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Telefonzellen für Schafe

Eine Motorradtour durch die schottischen Highlands

Einsam und verlassen steht sie mitten im Nirgendwo am grauen Band der schmalen Fahrbahn, die sich durch die Hügellandschaft etwa 25 Kilometer nordöstlich von Ullapool windet. Das Rot der Telefonzelle der British Telecom sticht in diesen grün und braun gefärbten Hügeln ins Auge. Weit und breit sind weder Menschen noch Häuser oder Fahrzeuge zu sehen. Jetzt im Oktober gibt es hier keine Touristen, die die Straßen mit ihren Autos und Wohnmobilen verstopfen. Nur die Schafe, die einzeln oder in kleinen Gruppen an und auf der Fahrbahn stehen, heben die Köpfe und schauen zur Gruppe der Motorradfahrer auf. Widerwillig machen sie den Weg für die Motorräder frei und trotten von der Fahrbahn.

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Einsame rote Telefonzelle in den schottischen Highlands

„Die Telefonzellen wurden früher als Notrufsystem gebaut, um in dieser einsamen Gegend Hilfe herbeirufen zu können. Heute werden sie aber nur noch von den Schafen benutzt, Menschen benutzen lieber ihre Handies,“ scherzt Gordon McClure, der Führer der Tour, bei einer Pause an einer der roten Zellen. Dabei grinst er. Gordon war bis zu seiner Pensionierung Polizeibeamter in diesem Teil Schottlands. Das erklärt, warum er sich hier so gut auskennt und auch noch den kleinsten Singletrack, die typischen einspurigen Straßen in Schottland, kennt. Begegnen sich hier zwei Fahrzeuge, muss eines in einer der vielen Ausweichbuchten warten bis das andere es passiert hat.

Die Highlands, gälisch A’Ghaidhealtachd, bilden mit mehr als 26.000 Quadratkilometern den größten und mit einer Einwohnerdichte von acht Einwohnern pro Quadratkilometer gleichzeitig den am dünnsten besiedelten Teil Schottlands. Bekannte Sehenswürdigkeiten wie Loch Ness mit seinem berühmten Seeungeheuer und das Eilean Donan Castle, das romantischste Schloß Schottlands in der Nähe der Insel Skye, sind hier zu finden. Auch der Ben Nevis, mit einer Höhe von 1.344 Metern der höchste Berg des Vereinigten Königreichs,  gehört zu den Highlands.

Alle diese Sehenswürdigkeiten hat Gordon mit seiner Gruppe bereits besucht. Nun nähert sie sich am dritten Tag dieser fünftägigen Tour der nördlichen Atlantikküste. Entlang der steilen Felsküste gibt es immer wieder kleine Abschnitte mit feinem, weißem Sandstrand. Diesen Strand erwartet man in der Karibik aber nicht in Schottland. Der feuchte Sand knirscht unter den Motorradstiefeln, in der Luft liegt der salzige Geruch des Meeres. Aber auch wenn die Sonne am blauen Himmel strahlt und das dunkelblaue Wasser noch so sehr lockt, es ist in dieser Jahreszeit schon zu kalt zum Baden.

Überhaupt mag der Oktober wegen der erhöhten Regengefahr nicht die ideale Reisezeit für die Highlands sein, allerdings ist dieses Klimarisiko in Schottland wegen der Nähe zum Atlantik immer gegeben – auch im Hochsommer. Nur die Temperatur des Regens variiert. Andererseits gibt es im Oktober keine Midgets mehr, eine blutgierige schottische Variante der Stechmücke, die in der Hauptreisezeit von Mai bis September in Scharen über die Touristen herfallen. Außerdem bietet der Oktober die Möglichkeit, die wildromantische Einsamkeit der Highlands zu genießen.

Nur die allgegenwärtigen Schafe bringen außerhalb der Saison etwas Leben in diese Einsamkeit. Die ständige leichte Brise in den Hügeln sorgt dafür, dass man sie nicht nur sieht und hört sondern ab und zu auch riechen kann. Die meist weißen Wollknäuel sind immer für eine Überraschung gut: Zum einen lieben sie es, unter Einsatz ihres Lebens Motorradfahrer zu erschrecken und plötzlich und unerwartet auf die Fahrbahn zu springen, zum anderen sorgt der Kot auf der Fahrbahn für so manchen Adrenalinschub. Mehr als einmal rutscht das Hinterrad eines der Motorräder auf dem Schafsmist weg oder sorgt für ein gesprenkeltes Visier beim Hinterherfahrenden.

Am Ende der Tagesetappe philosophieren die Motorradfahrer beim Bier noch einmal über Telefonzellen und Schafe. Die wichtigste Frage bleibt aber ungeklärt und auch Gordon kann sie nicht beantworten: Wo bewahren die Schafe die Münzen zum Telefonieren auf?

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